Besuch der Patenkinder hinterliess nachhaltigen Eindruck – Bericht von Marigret Bierbaum

Nach ca. 4 Jahren intensiver Vereinsarbeit in Deutschland erfüllte ich mir in der Zeit vom 02.01.2018 bis 26.01.2018 einen Herzenswunsch indem ich das DIANI Bildungs- und Sozialzentrum direkt vor Ort in Kenia unterstützte. Traveler Digital CameraTraveler Digital CameraP1010291 (640x480)

Begleitet wurde ich von Josi, ebenfalls Vereinsmitglied, sowie von Karin, Angela und Anja. Während meines dreiwöchigen Aufenthaltes konnte ich mich davon überzeugen, wie wichtig die Vereinsarbeit für die kenianischen Kinder und ihre Familien ist. Wer die Mädchen und Jungen auf dem Schulgelände fröhlich spielen, singen, tanzen, toben und lernen sieht bzw. hört, erkennt schnell die besondere Bedeutung unseres Projektes.

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Bereits bei der Ankunft spürte ich, dass alle Schüler gerne „ihre“ Schule besuchen. Das Schul- und Bildungszentrum liegt in einem guten Wohngebiet und bietet ihnen einen geschützten Lebensraum. Der Besuch des Bildungs- und Sozialzentrums ermöglicht einen vergleichbar qualitativ hochwertigen Unterricht und garantiert den Schülern die täglichen Mahlzeiten.

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Traveler Digital CameraIMG_2806 DSCI2214 (640x480)Gleichzeitig können Freizeitaktivitäten wie die Nutzung des Spielplatzes, das Mitspielen in der Schülerband oder an Judoaktivitäten ausgeübt werden. Im Gegensatz hierzu: öffentliche Spielplätze oder Freizeitmöglichkeiten sucht man in Diani Beach vergeblich. So sieht man beispielsweise auch noch nach Schulschluss die Jugendlichen auf den schuleigenen Schaukeln sitzen. Ein weiteres Highlight sind die Schwimmtage, bei denen unsere Schulkinder im Rahmen eines gemeinsamen Strandbesuchs schwimmen lernen. In einem Patenbrief schrieb eine Schülerin „Ich gehe in die schönste Schule der Welt.“ Dies ist wohl das tollste Kompliment für die 10-jährige Vereinsarbeit seit der Gründung.

Wir vier Frauen begleiteten Josi Küsters (Hauptverantwortliche für das Sozialzentrum in Kenia) immer wieder bei ihren täglichen Aktivitäten. Und wer Josi persönlich kennt, weiß, dass sie sehr beschäftigt ist – nahezu ohne Pause und ohne Freizeitaktivitäten. Immer wieder hörten wir jemanden auf dem Schulgelände nach „Josi“ rufen.

In ihrer Doppelfunktion als Vereinsmitglied und Hauptverantwortliche für das Sozialzentrum in Kenia wurden Josis Rat bzw. ihre Entscheidungen häufig benötigt. So war sie beispielsweise zuständig für die Vergabe von Mikrokrediten zur Finanzierung der Weiterbildungsmaßnahmen. Der finanzielle Aufwand für eine Ausbildung bzw. weiterführende Schule ist für die Eltern/Jugendlichen ohne Unterstützung des Sozialzentrums nicht zu leisten. Die jährlichen Ausbildungskosten betragen ca. 150 bis 400 Euro und beinhalten die Schulgebühren, Lernmaterialien, Kosten für die Abschlussklausuren sowie neuerdings auch Kosten für die Übernachtungen. Seit diesem Jahr werden die meisten weiterführenden Schulen/Colleges als Internat geführt, da die Schüler zu Hause kaum Möglichkeiten zum Lernen haben (z.B. fehlende Lampen, Schreibtische) und zur Mithilfe im Haushalt verpflichtet sind. Individuell wurden die Talente und Chancen jedes Einzelnen geprüft und jeweils die beste finanzierbare Möglichkeit angestrebt.

Ein konkreter Fall betraf beispielsweise Francisca, die 19-jährige Tochter der Angestellten Pamela – ehemalige Schülerin und Mutter eines 2-jährigen Kindes -, die sich eine Ausbildung zur Friseurin wünschte. Eine Ausbildung als Friseurin bildet in Kenia eine gute Chance auf ein regelmäßiges Einkommen, da die kenianischen Frauen besonderen Wert auf ihre Frisur legen. Für aufwendige Flechtfrisuren sind sie bereit, viel Zeit und Geld aufzubringen.

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Auszubildende in Kenia erhalten allerdings – im Gegensatz zu den Ausbildungsbedingungen in Deutschland – keine Vergütungen. Im Gegenteil, sie müssen für die Ausbildung bezahlen und sogar alle benötigten Materialien/Hilfsmittel wie z.B. bei der Ausbildung zur Friseurin das Haarspray, Haarteile, Bürsten, Utensilien wie Perlen privat finanzieren. In Zusammenarbeit mit der Sozialarbeiterin Nely galt es zu entscheiden, zu welchen Bedingungen Francisca einen Mikrokredit erhalten konnte. Dank des bewilligten Kredites besucht sie demnächst die zweijährige „Polytechnical-school“, während ihre Tochter in der DIANI „Playgroup“ liebevoll betreut wird.

Josi kennt nahezu alle Kinder persönlich mit ihrem Namen, ihren Hobbys, ihrer Familie und ihrer Lebensgeschichte. Bei ihren jährlichen Aufenthalten in Kenia besucht sie die Schüler persönlich zu Hause und überbringt Grüße oder kleine Geschenke der Paten. Gleichzeitig überzeugt sie sich von der Hilfsbedürftigkeit der einzelnen Familien. Mit ihrem Engagement in Deutschland zur Gewinnung von neuen Patenschaften verbreitet sie bei den kenianischen Familien Hoffnung und Zuversicht auf ein besseres Leben. Dieser direkte und persönliche Kontakt zeichnet unseren Verein besonders aus.

In diesem Jahr begleitete ich Josi bei den Besuchen. Dabei konnte ich viel über die Lebensbedingungen unserer Patenkinder erfahren. Aufgrund der ganzjährig milden Temperaturen findet das tägliche Leben der Schüler überwiegend im Freien statt. Dort wird gekocht, gegessen, gewaschen und gespielt.

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Die Kleinkinder laufen barfuß über steinige Böden in meistens abgenutzter Kleidung. Bereits Kleinkinder betreuen ihre jüngeren Geschwistern, während die Mütter über einer offenen Feuerstelle vor der Tür kochen.

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Hühner, Ziegen und Schafe laufen zwischen den Gebäuden und zwischen der frischen Wäsche frei herum auf der Suche nach Essbarem. Sie fressen den allgegenwärtigen Abfall, sogar Plastikmüll. Der Geruch nach Schwelbrand und nach Müll ist penetrant.

Ein Großteil der Familien schläft in einer 1-Zimmer-Wohnung ohne Fenster, Toilette, Wasserversorgung.

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Die Dächer sind häufig aus Stroh und oft marode. Während der Regenzeit dringt Wasser ein, entweder durch die Dächer oder den Boden. Aufgrund des harten Muschelgesteins kann das Wasser nicht versickern. Die Stromversorgung erfolgt seit diesem Jahr über ein Prepaid-System, sofern Guthaben vorhanden ist. Im Inneren sind die Räume nur spärlich möbliert, oft fehlen Stühle, Tische und Schränke. Die Betten der Eltern und Kinder sind meistens durch ein Betttuch voneinander abgetrennt. Wenn vorhanden, werden Koffer gerne als Aufbewahrungsmöglichkeit genutzt. Deshalb stellte auch die gerechte Verteilung der mitgebrachten Kofferspenden für uns eine große Herausforderung dar. Die Besuche bei den Familien der Patenkinder hinterließen bei mir den nachhaltigsten Eindruck. Trotz ihrer Armut strahlen die Schulkinder eine unheimliche Lebensfreude und Dankbarkeit aus. Sie freuen sich über die kleinen Dinge des Lebens, zum Beispiel über einen Luftballon oder ein Springseil.

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Die Bedeutung der Handys für die bedürftigen Familien wurde mir erst in Kenia bewusst. Viele Väter sind Tagelöhner und können nicht lesen und schreiben. Da sie über keine Postadresse verfügen, sind sie nur beim Besitz eines Handy für einen potentiellen Arbeitgeber erreichbar. Auch Bauern können sich auf den jeweiligen Märkten nach den Verkaufspreisen erkundigen und somit ihr Angebot entsprechend der Nachfrage lenken. Das Handy ist nicht nur Kommunikationsmittel, sondern dient bereits seit 2007 zur Abwicklung des Geldtransfers. Das vom kenianischen Mobilaanbieter „Safaricom“ erstmal entwickelte Bezahlsystem „M-Pesa“ ersetzt ein Bankkonto, zu dem bedürftige Menschen in Entwicklungsländern meist keinen Zugang haben; sei es wegen fehlender Bankfilialen, eines zu geringen Einkommens oder weil sie die Bankgebühren nicht begleichen können. „M-Pesa“ > „M“ steht für „mobile“ und „Pesa“ bedeutet „Geld“ auf Suaheli.

CIMG2175 (640x480)Das System wurde ursprünglich entwickelt, um kleine Geldbeträge per SMS von einem z.B. in der Stadt lebenden Familienmitglied zum der auf dem Land lebenden Familie zu versenden. Heute wird M-Pesa in allen Bereichen des täglichen Lebens genutzt: einkaufen, Gehaltszahlungen, Begleichung von Rechnungen. Einen „M-Pesa-Agenten findet man in den abgelegensten Hütten und Gegenden. Deshalb werden funktionstüchtige Handys als Sachspende in Deutschland jederzeit dankend entgegengenommen. So konnten auch in diesem Jahr wieder einige Handys überreicht werden.

Angereist waren wir fünf Frauen mit 10 Koffern, viel Handgepäck zusätzlich mit Rucksäcken und offen für viele neue Erfahrungen. Zurückgekehrt sind wir um viele Kilogramm erleichtertem Gepäck (Sachspenden) und mit einer Fülle von Eindrücken, Erlebnissen, Denk- und Handlungsanstößen sowie mit einer bewussteren Wahrnehmung unseres täglichen Lebens in Deutschland. Heute weiß ich beispielsweise wie wertvoll Koffer sind, und dass diese Ordnung, Anerkennung und Zuversicht bedeuten können. Insbesondere die Zufriedenheit und Lebensfreude der Kinder strahlen noch weiter in meinen Erinnerungen.

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